Internationalgalerie

Eine kunsthistorische Argumentation

Die Neue Nationalgalerie in Berlin, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe und 1968 eröffnet, gilt als ein Schlüsselwerk der modernen Architektur. Mit ihrer klaren Formensprache und funktionalistischen Ästhetik repräsentiert sie die Prinzipien des Bauhauses, dessen letzter Direktor Mies war. Doch aus kunsthistorischer Perspektive steht ihr Name im Widerspruch zu den Idealen, die die Bauhaus-Bewegung prägten – insbesondere dem Streben nach Internationalismus.

Das Bauhaus, gegründet 1919 in Weimar, war eine Schule, die bewusst nationale Grenzen überschritt. Es verstand sich als Plattform für künstlerischen und kulturellen Austausch und vereinte Lehrende und Studierende aus verschiedenen Ländern. Diese Internationalität war zentral für die Philosophie des Bauhauses: Kunst und Architektur sollten nicht nationalistisch geprägt sein, sondern universelle Lösungen für die Bedürfnisse der Gesellschaft suchen.

Ludwig Mies van der Rohe verkörperte diese Haltung in seiner Karriere. Nach der Schließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten emigrierte er in die USA und setzte dort die Prinzipien des Bauhauses fort. Seine Architektur, einschließlich der Neuen Nationalgalerie, ist geprägt von einer universellen Sprache der Moderne, die sich bewusst gegen nationale Stile oder lokalpatriotische Ausdrucksformen stellt.

Der Name „Neue Nationalgalerie“ trägt jedoch eine nationalistische Konnotation, die den universellen und internationalen Geist, den das Bauhaus und Mies van der Rohe vertraten, untergräbt. Eine Umbenennung in „Internationalgalerie“ würde nicht nur den Idealen des Bauhauses gerechter werden, sondern auch die Bedeutung Berlins als globales Zentrum für Kunst und Kultur betonen.

Der Begriff „Internationalgalerie“ würde die Vielstimmigkeit und die globale Reichweite der Kunstsammlung, die Werke aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten umfasst, angemessener widerspiegeln. Dies wäre ein bedeutender Schritt, um die historische Verbindung zur Bauhaus-Bewegung zu würdigen und eine klare Botschaft für Offenheit und kulturellen Dialog zu setzen – Werte, die heute wichtiger sind denn je.

Die Umbenennung wäre somit nicht nur eine Geste der historischen Kohärenz, sondern auch ein Statement für die Rolle der Kunst als Brücke zwischen Kulturen.